03.11.2016 | Inklusive Kulturarbeit des Bezirks Oberbayern

Jüngst initiierte das Kulturforum Rosenheim einen Vortrag über die große Bedeutung inklusiver Kulturarbeit. Wie aktuell das Thema in der Kulturlandschaft ist, zeigten die Referentinnen Frau Petra Kellermann, Frau Dorothee Mammel und Frau Simone Rünagel vom Kulturreferat des Bezirks Oberbayern anhand aktueller Projekte eindrucksvoll auf.

Ein ganz normales Abendprogramm – ein Erfahrungsbericht: Man fährt selbstverständlich mit dem Auto zum Veranstaltungsort, steigt Treppen hinauf, betritt den Vortragsraum ausgestattet mit neuester Technik. Drei Referentinnen präsentieren ihren Vortrag unterstützt von einer Power-Point-Präsentation. Die Besucher hören, sehen und verstehen alles. Was geschieht aber, wenn jemand mit dem Rollstuhl kommt, blind oder taub ist? Er scheitert in den meisten Fällen schon vor der Tür. Er kann nicht teilnehmen an Vielem, was unser tägliches Leben bietet. In den letzten Jahrzehnten wurde die Integration der Menschen, die aufgrund ihrer Handicaps von der Gesellschaft ausgeschlossen werden, mit großem Elan vorangetrieben. Trotzdem steht diese, auch im kulturellen Bereich, erst am Anfang.

Welche Möglichkeiten noch zur Integration benachteiligter Menschen genutzt werden können und an welchen Stellen es noch tiefgreifende Mängel zu beseitigen gilt, wurde den Besuchern bei dem vom Kulturforum Rosenheim initiierten Vortrag "Inklusive Kulturarbeit" bewusst. Am 28. September stellten die Referentinnen Dorothee Mammel, Simone Rünagel und Petra Kellermann in Räumen der Berufsoberschule neben verschiedenen allgemeinen Überlegungen zur Inklusion zwei Projekte des Bezirks Oberbayern vor, die man als vorbildlich auf diesem Sektor beschreiben könnte: "Zamm" und die "Galerie".

Die "Galerie" befindet sich in München gegenüber dem Haus der Kunst und zeigt Ausstellungen, die alle Menschen besuchen können. Räume, Texte und Objekte sind so beleuchtet, dass auch Sehschwache Details gut erkennen können. Es gibt Führungen für Blinde gemeinsam mit Sehenden, Gebärdendolmetscher stehen Gehörlosen zur Verfügung, alle Texte sind relativ groß gedruckt und zusätzlich in vereinfachtem Deutsch verfasst. Barrierefreiheit ist selbstverständlich. Damit sind jedoch nicht nur der ebene Weg und die Behindertentoilette gemeint, sondern auch die inneren Barrieren, die hier überwunden werden sollen. So wird jede Ausstellung von zwei Künstlern ausgerichtet, wobei jeweils einer mit einer Beeinträchtigung lebt. Die beim Vortrag persönlich anwesende Malerin und Zeichnerin Sieglinde Bernd, die bereits in der "Galerie" ausgestellt hat, schilderte den Besuchern anschaulich wie intensiv sie diese Form der Kulturarbeit erlebt hatte und wie sich ihr und den Betrachtern neue Sichtweisen erschlossen hätten.

Das zweite vorgestellte Projekt "Zamm" ist nicht Standort gebunden, es wandert in zweijährigem Turnus von Stadt zu Stadt. Der dafür dem Bairischen entliehene Name "Zamm" könnte trefflicher nicht gewählt sein, handelt es sich hier um ein Kulturfestival, das Menschen mit und ohne Behinderung, unabhängig von Religion, Alter, Herkunft und Geschlecht zusammenführt. Dabei werden musikalische und künstlerische Projekte gemeinsam erarbeitet. Eineinhalb Jahre lang wird das Festival vorbereitet. Die etwa 50 Projekte, die in dieser Zeit entstehen, werden anschließend am ausgewählten Ort innerhalb einer Woche präsentiert.

Den Besuchern des Vortrags wurden in einem Film eine Zusammenfassung des letzten "Zamm" gezeigt, das in Freising stattgefunden hat. Die drei Referentinnen könnten sich auch Rosenheim als Veranstaltungsort für das "Zamm"- Festival 2019 sehr gut vorstellen. Dann könnten auch hier immer mehr kulturelle Veranstaltungen zum Beispiel in Räumen ohne Treppen oder auch begleitet von einem Gebärdendolmetscher stattfinden. Betroffen von der Erkenntnis, dass es bis dahin noch ein weiter Weg sei, signalisierten alle Besucher, wie erstrebenswert dieser Weg sei. Bleibt zu hoffen, dass er gegangen wird – mit und ohne "Zamm" in Rosenheim.

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